Frankfurter Rundschau [in German]

Der Tod, das unheimliche Kind

by Georg Pepl, September 17th 2012


Es muss nicht immer große Oper sein, auch ein Tanztheaterwerk kann einen in jeder Hinsicht opulenten Eröffnungsabend bescheren. Ein starkes Zeichen für die Sparte Tanz setzt man jetzt am Staatstheater Kassel, wo Orpheus des Dramatikers Edward Bond und des Komponisten Hans Werner Henze beim Saisonstart im Opernhaus einen fulminanten Premierenerfolg feierte.

Tanzdirektor Johannes Wieland ist in Kassel bisher eher mit der Analyse von Befindlichkeiten hervorgetreten. Nun erweist er sich mit den Mitteln des modernen Tanztheaters als fesselnder Erzähler dieser Geschichte, die den antiken Mythos ins Utopische wendet. »Orpheus«, formuliert Henze, »fordert die Götter heraus, entlarvt und entmachtet sie mit seinem Gesang und befreit dadurch die Menschen vom Schrecken des Todes, vom Verlust der Liebe, von der Sterblichkeit.«
Charaktervolle Szenen hat Wieland mit Steph Burger (Bühne), Evelyn Schönwald (Kostüme), Albert Geisel (Licht) sowie dem 15-köpfigen Tanzensemble und rund 40 Statisten geschaffen. So kontrastreich wie Henzes Musik sind die Bilder. Es gibt Erinnerungen an den griechischen Volkstanz, den die Akteure um die Bruchstücke einer am Boden liegenden Apollo-Statue ausführen. Es gibt klassenkämpferische Tumulte und im Totenreich gar einen Hauch von Horrorfilm: Als Todesengel mit schwarzen Flügeln tritt Hades auf, in doppelter Gestalt, als Mann und noch gruseliger als Kind.

 

Nicht weniger prägnant sind die großen Soli. Evangelos Poulinas ist in seinem Glitzeranzug ein blendender Apollo, akrobatisch, geschmeidig und das passende Quäntchen göttlicher Selbstverliebtheit ausstrahlend. Wencke Kriemer de Matos verfügt als Eurydike über das ganze Spektrum von Unbeschwertheit bis zum kreatürlichen Leid. Etwas Unbekümmertes, ja Naturburschenhaftes geht von dem jungen Tänzer Rémi Benard aus, der mit dem Orpheus seine erste große Rolle gestaltet.

 

Ein Paradox liegt in Henzes Orpheus-Partitur, die in der Wiener Fassung aus dem Jahr 1986 realisiert wird. Diese Musica impura, wie der Komponist seine Ästhetik auf die knappste Formel bringt, entfaltet bei aller Heterogenität von schwelgerischer Alban-Berg-Nähe über Attacken des Schlagwerks bis hin zu diversen Instrumentalsoli einen mächtigen sinfonischen Strom. So wird sie zur glänzenden Vorlage für das Staatsorchester Kassel und Generalmusikdirektor Patrik Ringborg, die das richtige Gespür für Wagner haben und auch mit Henze reüssieren. Zuletzt jubelte das Publikum den Beteiligten und dem anwesenden 86-jährigen Komponisten zu.