Thüringer-Allgemeine [in German]

Der Urgrund des Seins

by Evi Baumeister, March 28th 2011 


In Kassel entfesselt eine andere "Scheherazade" ein fulminantes Tanztheater.

 

Wie anfangen? Scheherazade, der großen Geschichtenerzählerin der Weltliteratur aus 1001 Nacht, will ein fesselnder Beginn nicht einfallen. Schlimmer noch: Sie hat und weiß gar keine Geschichten. Aus Scheherazade ist in der Optik des Choreografen Johannes Wieland eine vampartige Provinzmoderatorin geworden, die vom bewegt beweglichen Leben der Kasseler Tanztruppe lebt. Scheherazade ist also ein Beispiel medialer Manipulation, sie ist ein im hochgeschlitzten Kleid lecker anzusehender Fremdkörper, der mit gekünstelt gehauchtem Akzent sich pseudoglamourös um Kopf und Kragen redet und seichte Interviews sucht in einer Welt, in der eine ihr unverständliche Sprache gesprochen wird: Körpersprache.


Das Premierenpublikum im Staatstheater Kassel wurde nicht nur mit dieser ungewöhnlichen Lesart des Stoffes konfrontiert. Überraschend war auch der musikalische Subtext, dessen orientalische Exotik im ersten Teil des Tanzabends auf persischem Liedgut und ostinaten Loops fußte. Erst nach der Pause trat das Orchester des Staatstheaters Kassel live in Aktion und präsentierte unter der bühnensensiblen Leitung von Marco Comin die populäre sinfonische Suite "Scheherazade" von Nikolai Rimski-Korsakow.


Wie sich der russische Komponist einst von programmatisch märchenhaften Satztiteln löste, so nimmt sich auch der über ein schier unerschöpfliches Arsenal von choreografischen Einfällen und Aus-drucksmitteln verfügende künstlerische Kopf Johannes Wieland die Freiheit, Scheherazade als Tanz-stück komplett neu zu denken. Und wie es bei gut erzählten bzw. ausdrucksstark und konzentriert ge-tanzten Geschichten oft ist, so bleiben sie gerade deshalb spannend und erinnerlich, weil sie eher Rätsel aufgeben, als finale Lösungen zu liefern, und weil es um jene Themen geht, die intuitiv versteht, wer sich dem Tanz als Expression des Unsagbaren hingibt: Es geht um Liebe, um Attraktion und Abstoßung, um Leidenschaft und Hass, lapidar um den Antagonismus von Frau und Mann.


Dafür ist die Bühne (Stefanie Burger) mit einem wüstenähnlichen Sandhaufen ausgestattet, der ein Paradox zum fein fallenden Dauerregen bildet. Dort schwillt der Gefühlstornado an und liegt die ge-fühlssteuernde Amygdala der Akteure frei, bereit zur hochexplosiven Mandelkernschmelze. In atemloser Schnelligkeit schickt Wieland die glänzenden Tänzerinnen und Tänzer in immer neuen Formationen und frappierenden Konstellationen über den sandigen Urgrund des Seins. Langes glattes Haar fliegt synchron in ekstatischen Kopfbewegungen, bodennahe Körperwindungen erzählen von peinigenden Ängsten, Paare bestehen aus athletischen Mädchen und unterlegenen Partnern, die schließlich zu Badebübchen retardieren. So harmlos können Männer sein.


Nach der Pause rieselt zur Solovioline noch Sand vom Berg, auf den sich Scheherazade zurückzieht. Von dort beobachtet sie das turbulente Treiben, das phantasievolle Arrangement der Personenführung und wie sich nach geschmeidig ebenbürtigem Pas de Deux verführerische Episoden und ein in kühnen Flügen getanztes Herrensolo aneinanderreihen. Wellenartig rollen sieben Jungfrauen in goldenem Licht.
Der Zauber dieser Bilder entspricht schmeichelndem Streicherton. Dem finalen orchestral farbigen, rhythmischen Spannungsaufbau entsprechen minimale, später zwanghafte Bewegungen und vergebliche Dehnungen. "Wie sie sich abmühen", bemerkt Scheherazade lakonisch. Ende gut, alles gut. Wenige Unmutsäußerungen werden vom Publikum überklatscht.